Mobilität paradox

Die erste Frage im Bewerbungsgespräch. Der Personaler lässt sich Zeit. Er schaut auf den Lebenslauf des Bewerbers. Sein Blick wandert schnell über die Daten, die einzelnen Stationen, die Erfahrungen aus früheren Jobs. Auf alles ist der Bewerber vorbereitet. Was er kann, was er dem Unternehmen bringt, was er nicht kann und wie er das kaschieren muss. „Meinen Sie, dass Sie mit der Mentalität bei uns zurecht kommen“, fragt der Personaler. „Hier in der Gegend haben die Menschen so ihre Eigenarten.“ Seine Stimme ist schneidend. Er schaut erwartungsvoll über seine randlose Gleitsichtbrille. Welche Mentalität? Der Bewerber schwitzt. Er wäre bereit, überall hinzuziehen, wenn er einen vernünftigen Job dafür bekäme. Dass er flexibel ist, hat er bewiesen, als er seine Heimatstadt gleich nach dem Abi verließ und an eine Uni viele hundert Kilometer entfernt wechselte. Als er für ein Jahr ins Ausland ging, um sich dort in einer fremden Kultur einzufinden, in eine fremde Sprache, in ein fremdes Denken. Und nun das. „Natürlich“, lautet die Antwort. Der Personaler schaut skeptisch. Drei Wochen später erfährt der Bewerber, dass man sich gegen ihn entschieden hat. Für einen Mitbewerber aus der Region, wie er nach einer kurzen Recherche herausfindet…

Die kurze Geschichte ist gar nicht so ungewöhnlich. Unternehmen wollen mit ihren Mitarbeitern eine „gemeinsame Sprache“ sprechen. Viele Mittelständler setzten deshalb voraus, dass sich Mitarbeiter nicht nur mit den Unternehmenszielen sondern auch mit der Region identifizieren können. Wie eine Freundin sagt: „Wer keinen Karneval mag und trotzdem in Köln arbeiten möchte, hat ein Problem.“ Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung werden ohnehin rund 40 Prozent aller freien Stellen über persönliche Kontakte und Empfehlungen von Mitarbeitern vergeben. In Ostdeutschland liegt der Wert sogar noch darüber. Wer genügend Zeit hat, vor Ort Netzwerke zu knüpfen, hat deshalb einen entscheidenden Vorteil.

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